Mittwoch, 7. Mai 2014

Rede: Berndt Koberstein

Wie war das, als ich vom Tod Berndt Kobersteins erfahren habe.

Der Tod kam so beiläufig mit den ersten Nachrichten an meinen Tisch, es berichtete die neutrale Stimme eines unbeteiligten Nachrichtensprechers, eingeklemmt zwischen Popmusik, Wetter und Verkehr. …darunter der Deutsche Berndt Koberstein.

Die ersten Nachrichten meines Tages mischten sich mit den Geräuschen der Kaffeemaschine und bildeten die Begleitmusik für das Wachwerden und die Tagesplanung. Man bekommt sie sowieso nicht wirklich mit, man erwartet nicht viel Neues und auf einmal fiel dieser Name, der so gar nicht in irgendeinen Zusammenhang passen wollte und erst langsam wurde mir klar daß diese Nachricht, genau diese Nachricht etwas mit mir zu tun haben mußte.

Da wurden Menschen, darunter einer, den ich kannte, nicht gut, aber kannte, irgendwo an einem fremden Ort auf einem anderen Kontinent gewaltsam ins Jenseits befördert und auf einmal setzten sich Gewalt und Tod frech und ungefragt an meinen Frühstückstisch und verbreiteten, obwohl weit entfernt, zunächst Unverständnis, Staunen und Hilflosigkeit, dann Trauer und Wut.



Bernd wollte helfen, eine Wasserleitung zu bauen, vermutlich durch unwegsames kaum besiedeltes Gelände, dringend benötigtes Wasser für eine Stadt, ihre Menschen, ein Krankenhaus, also eine durchaus friedvolle Tätigkeit. Er wollte etwas Sinnerfülltes tun, für andere aber auch für sich selbst und nun lag er da, irgendwo erschossen in einer Fremde neben anderen Toten, die ebenfalls in friedlicher Absicht dort waren und dann war plötzlich nichts mehr umkehrbar und der Kaffee meiner Kaffeemaschine verströmte einen gemütlich gemeinten, aber heuchlerischen Duft und vergrößerte nur die Hilflosigkeit und das Unverständnis.

Häufig versucht man, sich ein Bild zu machen von dem fremden Ort, einem Ort, an dem ein bekannter Mensch, ein Familienmitglied etwa, sich aufhält.

Was er wohl gerade macht, wie es ihm geht und was er, wenn man sich wiedersieht, berichten wird.
Ein Bild des Momentes: Ein Mensch bäuchlings im Staub liegend, das Gesicht im Straßendreck in einer Blutlache. Ein weiteres Bild: Das Wasser einer Leitung versickert in der Erde. Es erreicht nicht die, die es erreichen soll.

Wann wir uns das letzte Mal gesehen haben?

Das Leben hatte uns an diesem Abend, besser in dieser Nacht, dorthin gespült, wo es die Leute vermutlich auch heute noch hin spült,- jedenfalls in dieser Stadt-, wenn man noch nicht zu Ende ist, wenn man noch was reden will, wenn zuhause keiner wartet oder wenn man einfach noch was trinken will.

Wir saßen also eher zufällig an einem Tisch in Webers Weinstube. Es hatte, wie so oft, irgendwo eine wichtige Parteiversammlung mit vielen wichtigen Reden gegeben, danach wie üblich noch was trinken, und dann saßen wir uns gegenüber, er, der Held der Arbeiterklasse, Internationalist, Kommunist mit scheinbar geradlinigen Lösungen, kurz vor seiner zweiten Abreise nach Nicaragua, und ich, meistens erfolgloser Künstler, fast immer pleite, das Chaos und die Rastlosigkeit im Gepäck des Lebens, zwar auch in der Partei, aber alles andere als ein Held der Arbeiterklasse.

Wir waren beide um die 30. Wir hatten verschiedene Lebenswege. Berndt war gelernter Maschinenschlosser, Gewerkschafter, Jugendvertreter, dann Schichtarbeiter bei Ford in Köln, dann wieder in Freiburg, dann arbeitslos, dann der erste Aufenthalt in Nicaragua, einem Brennpunkt unserer Bewegung. Eine Biografie, scheinbar gemacht für den Kampf, eine Biografie, wie sie geliebt wurde von einer Partei, die sich als Avantgarde der Arbeiterklasse empfand.

Bis zu diesem Abend kannten wir uns nur so, wie man sich in einer kleinen Partei mit politisch/menschlichem Heimatgefühl kennt. Man stellt ähnliche Frage, sucht schlüssige Antworten. Antworten, die möglichst ein Leben lang halten sollen, sucht auch Freundschaften, Liebe und einen Standpunkt im Leben.

Ich muß es zugeben, Berndt war mir allerdings bis dahin fremd, schien er doch aus einer geordneten politisch-ideologischen Welt zu kommen mit klaren Zielen und Strategien, wenig Zweifel zulassend, kurz, er schien ein Kommunist zu sein, wie man ihn sich auch hätte malen können.

Das war jedenfalls mein Vorurteil bis zu jenem Abend und manchmal hat so ein Abend und der nicht wirklich unbeabsichtigte Alkoholkonsum auch den Vorteil, Schablonen zu zerstören, die selbstgewählten Schranken hochzufahren und ein wenig von sich selbst preiszugeben.

Selbstverständlich stritten wir uns, schenkten wir uns nichts, hakten alles ab, meldeten Zweifel an und verkündeten Gewissheiten, die sich im Gegenlicht der vorgetragenen anderen Meinung nicht halten ließ.

Wir ließen nichts aus, so war das damals bei uns Revolutionären, nicht die Rolle der Arbeiterklasse im revolutionären Prozess, nicht die Rolle der Partei, nicht die Aufgabe der Kunst im nämlichen Prozess, (ein übles Thema), nicht die Rolle der Frau, (ein heikles Thema), nota bene, er konnte auch, wie meine Freundin sagte, überaus charmant sein.

Kurz: Es lag eine ganze Welt vor uns auf dem weindurchtränkten Tisch
Und, so war es, natürlich war er nicht der fertige entwickelte Mensch, er suchte nach Sinn, nach Anerkennung und wollte vielleicht wirklich ein Held sein oder zumindest so scheinen.

Aber er wollte wenigstens gebraucht werden und er wurde dort in Nicaragua gebraucht, er hatte es schon so erfahren, und er brachte den Mut auf, ein weiteres Mal in diese gefährliche Region zu gehen um seine Arbeitskraft den Menschen anzubieten.

Ich denke immer: War uns die Gefahr bewußt? War ihm die Gefahr bewußt? Ich glaube schon, es waren ja bereits Freunde in Nicaragua gestorben, aber trotzdem zog er es vor, dort zu arbeiten, und vielleicht nur, um den Horizont einer neuen Gesellschaft zu sehen, nur eine Ahnung davon zu erfühlen und nicht in der Gewissheit leben zu müssen, mit einer anderen Auffassung vom Zusammenleben in einer Gesellschaft als der des mainstreams in Deutschland nicht erwünscht zu sein.

Vielleicht spürte er, daß in unserem Land eine sozialistische Umwälzung auf absehbare Zeit zum Scheitern verurteilt war. Nicht nur, weil unser Referenzsystem zum Scheitern verurteilt zu sein schien, sondern auch, weil wir Antworten hatten zu Fragen, die damals kaum einer stellte.

Ich kann es heute sicher nicht mehr beantworten. Aber ich weiß, es kam, wie es kommen mußte, Webers Weinstube machte zu, wir waren betrunken und hätten noch einiges zu besprechen gehabt. Das unter jungen Männern, -auch unter Helden-, wichtige Thema Frauen (diesmal ideologiefrei) wurde an diesem Abend, wie anderes auch, nur am Rande erwähnt, und so beschlossen wir, uns vertagen auf den Winter des selben Jahres, um den Faden, den wir gesponnen hatten, wieder aufzunehmen.

Nach seiner Rückkehr. Und dann ging der Wecker, grummelte die Kaffeemaschine, kam diese neutrale Stimme eines unbeteiligten Nachrichtensprechers und eine Freundschaft war schon vorbei bevor sie richtig angefangen hatte.

Ein großer Verlust.