Donnerstag, 3. Mai 2018

Laudatio an die ADW


von Wilfried Telkämper

Laudatio zur Verleihung des Berndt Koberstein-Preises an die ADW, 03.05.2018 



Lieber Hendrik Guzzoni, liebe Jury, liebe ADWlerInnen, lieber Bürgermeister von Kirchbach, StadträtInnen, FreundInnen und Gäste,

vielen Dank für die Möglichkeit, die Laudatio zur Verleihung des Berndt-Koberstein-Preises an die ADW, Aktion Dritte Welt in Freiburg, halten zu dürfen – und das im Jahr des 50-jährigen Bestehens der ADW.

Mir ist es eine besondere Ehre, mit diesem Preis nicht nur an die Zusammenarbeit und Solidarität in unserer Stadt Freiburg zu erinnern, sondern gleichzeitig auch Berndt Koberstein zu gedenken.

Kurz vor seiner Abreise 1986 nach Nicaragua hatten wir auf dem Gelände der FEW noch einen Tag lang einen Container mit Rohren für die Wasserleitung in Wiwili beladen. Mit Freude konnten wir vor dem Verschließen des Containers noch ein paar private Geschenke für FreundInnen in Wiwili einladen, insbesondere den Vespa-Roller von Christian Neven-du Mont. Das war meine letzte Begegnung mit Berndt vor seiner Ermordung.




Erwähnter Christian Neven war bzw. ist in verschiedenen Solidaritätsgruppen aktiv und auch ein Urgestein der Aktion Dritte Welt, der ADW in Freiburg, weil er quasi von Beginn bis heute dort aktiv mitarbeitet.

Ihr 50-jähriges Bestehen feiert die ADW dieses Jahr – 50 Jahre, eine große Leistung für eine Aktionsgruppe!

Gegründet wurde sie 1968 und hatte bescheidene Kellerräume in der Scheffelstraße, die nach wenigen Jahren zu klein wurden, so dass ein Umzug in das Hinterhaus der Kronenstraße 16 stattfand, wo sie heute noch zu finden ist.

Ein großer Kongress zur internationalen Solidarität mit 4.000 Teilnehmern fand 1968 in der Freiburger Stadthalle statt. Verschiedenste Aktivitäten innerhalb Freiburgs prägten die Folgejahre, insbesondere die Veranstaltungsreihe Kritisches Seminar in der Alten Uni.

Ich will jetzt nicht wiederholen, was die Presse über diese Geschichte in den letzten Wochen publiziert hat oder was gut analysiert und beschrieben ist von dem ADW-Festkomitee im Internet.

Ich selber habe von 1975 bis 1985 in der ADW mal hauptamtlich, mal ehrenamtlich oder als Zivildienstleistender mitgearbeitet. Dort eine ZDLstelle zu erhalten, war schon Spitze und natürlich begehrt.

Wie viele ehemalige MitstreiterInnen in Gesprächen anlässlich der „50 Jahre Festaktivitäten“ betonten, hat sie die Zeit in der ADW für ihr späteres Leben sehr geprägt. Zuzüglich zu den Aktivitäten in Freiburg und dem Aufbau eines einzigartigen Archivs wurden die „blätter des iz3w“, die bundesweit bekannte und sehr angesehene Zeitschrift, eben der „blätter“ des informationszentrums 3. welt herausgegeben – heute kurz „die iz3w“.

Nicht nur die intellektuelle und solidarische Auseinandersetzung mit den Problemen und deren Ursachen des globalen Südens, sondern eben die gemeinsame und kollegiale Zusammenarbeit in der Gruppe war prägend. Es gab Zeiten, in denen alle Artikel bei den wöchentlichen und öffentlichen Sitzungen gemeinsam besprochen wurden. Ein inhaltlicher Teil für die anstehende Ausgabe der Zeitschrift und ein organisatorischer Teil für die Aktionen in Freiburg und sonstigen Notwendigkeiten für die Arbeit der Aktionsgruppe strukturierten den Abend.

Aufgrund der Auseinandersetzungen über Hunger und Armut im globalen Süden, Reichtum und Macht aus dem Norden passt die Zeit der ADW-Gründung zu 1968; die interne und gesellschaftliche Kulturrevolution (-das nenne ich mal so-) fand in den Jahren danach statt.

Manche Ex-ADWlerInnen berichteten bei den Festaktivitäten, dass sie an diesen Abenden erst argumentieren und diskutieren gelernt hätten – gleichsam eine Schule fürs weitere Leben gehabt haben. Diskutiert wurde auf Augenhöhe, auch mit Respekt bei oftmals unterschiedlichen politischen Positionen.

Und es gab keine Unterschiede zwischen Ehren- und Hauptamtlichen, die auch eher zum solidarischen Mindestlohn arbeiteten. Manche Freundesgruppen oder auch Familien entstanden in diesen Zusammenhängen. In Arbeitsgruppen wurde mal am Küchentisch in einer WG oder mal auch mit Kindern im Büro gearbeitet.

Die ADW war und ist ein Zentrum, in dem sich Solidaritäts- und Aktionsgruppen zu bestimmten Ländern wie Südafrika, Vietnam, Chile, Brasilien, Peru, Mittelamerika, zu Themen wie Handel, Hunger und Entwicklung, Wasser und Energie, Kultur und Tourismus oder zu Projektarbeiten wie zu Wiwili getroffen haben. Darüber hinaus gab es durch diese Arbeitsgruppen bedeutende, bundesweit beachtete Veröffentlichungen wie etwa das Buch „Entwicklungshilfe oder Ausbeutung?“.

Natürlich hat sich die Gruppe im Laufe der 50 Jahre verändert und weiter entwickelt – sowohl inhaltlich wie auch strukturell. Gemeinsam jedoch ist über all die Jahre geblieben, dass die ADW das Zusammenleben und die Solidarität in der Stadt und durch ihre Arbeit lokal und international befördert – ja so spannend, anregend und sozial ist, dass jemand wie anfangs erwähnt, es nahezu 50 Jahre dort ausgehalten hat.

Das Festtagskomitee der ADW hat jüngst recherchiert, dass in diesem halben Jahrhundert etwa 500 Menschen in der ADW aktiv waren – ein starkes Netzwerk in der Stadt, aber auch international. Viele der KollegInnen sind beruflich in entwicklungspolitischen Organisationen oder Arbeitszusammenhängen geblieben – bei NGOs, kirchlichen Organisationen, Stiftungen und Verlagen, an der Uni, bei der GIZ, dem BMZ, in der Politik oder sonst wo. Das ist bei näherer Betrachtung sehr beeindruckend.

Im Herbst 1993 habe ich damals als Europaabgeordneter mit der ADW eine Tagung zum Thema „Kommunale Außenpolitik“ veranstaltet. VertreterInnen von 20 Freiburger Gruppen aus dem entwicklungspolitischen Spektrum waren anwesend und gründeten später das Freiburger Forum Kommunale Außenpolitik. Nach dem Motto „Global denken – lokal handeln“ waren sich die anwesenden Gruppen über die Notwendigkeit einig, durch einen Zusammenschluss verstärkt auf die Kommunalpolitik und die öffentliche Meinung Einfluss zu nehmen. Hierfür bot und bietet die ADW immer ein Forum!

Der Internationalismus im eigenen Lande bedeutet immer auch eine praktische Kritik an der herrschenden Außenpolitik- an ihren Zielen und Strategien, die durch nationale Machtpolitik bestimmt werden und die sich nicht an dezentralen, für die Zusammenarbeit und Hilfe zumeist weitaus effektiveren Strukturen und an den konkreten Bedürfnissen und Interessen der Menschen –siehe die Wiwili-Zusammenarbeit – ausrichten.

Es gibt Alternativen unterhalb der Ebene des Nationalstaates, die schon jetzt praktiziert werden auf kommunaler oder regionaler Ebene. Hierzu zählt auch die Flüchtlingspolitik vor Ort und der Kampf gegen Rassismus weltweit.

50 Jahre ADW haben hier viel geleistet für das Zusammenleben und die Solidarität in der Stadt und international! Möge der Berndt-Koberstein-Preis ein Beitrag sein zur Finanzierung der Arbeit, der Festaktivitäten zum Fünfzigsten, (Hier ein kleiner Hinweis: am 09. Juni findet auf dem Grether-Gelände zusammen mit RDL ein Open Air-Konzert zum Fünfzigsten statt) und als Grundstein für die weitere solidarische Arbeit der Aktion Dritte Welt in Freiburg dienen.