Donnerstag, 3. Mai 2018

Laudatio für das Linkes Zentrum adelante von Lina Wiemer-Cialowicz

Liebes LIZ, lieber Hendrijk, liebe Jury, liebe Engagierte, sehr geehrte Damen und Herren,

die Verleihung des Bernd-Koberstein-Preises an das Linke Zentrum adelante freut mich sehr und sie bietet mir und uns die Möglichkeit, ganz allgemein und generell, aber auch konkret über „Linkes Engagement“ und „Linke Politik“ in Freiburg nachzudenken.

„Gemeinsam, solidarisch, selbstverwaltet.“ So versteht sich das Linke Zentrum in der Glümerstraße 2 in der Freiburger Wiehre. Ich finde, das ist nicht nur die Beschreibung des Ist-Zustands, es ist auch zukunftsweisend.

Das Linke Zentrum ist ein Ort, der bald sein sechs-jähriges Bestehen in sehr bürgerlicher Nachbarschaft feiert. Ein Ort, gegründet von einem Kollektiv von zumeist Alt-Linken, ist ein Ort für potentielle Jung- und Neu-Linke geworden. Ein Ort, der es seit sechs Jahren schafft, sich allein aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen zu finanzieren. Von Beginn an bestand der Anspruch eine Anlaufstelle vor allem für junge Menschen zu sein. Dass dies gelungen ist, wird spätestens bei den Straßenfesten in der Glümerstraße deutlich.

Anspruch und Wirklichkeit liegen beim Linken Zentrum dicht nebeneinander. Und das können nicht alle linken Anlaufstellen in Freiburg von sich behaupten.

Erfolgreich können linken Bewegungen und linke Politik dann sein, wenn sie allgemeinen Schlagwörtern wie Kapitalismuskritik, Neoliberalismus oder Heteronormativität ein Aussehen jenseits von Dogmatismus und Ideologien verleihen, und wenn sie es schaffen, linke Theorien in praktische Arbeit zu übersetzen. Genau das gelinkt im Linken Zentrum, denn es bietet einen niederschwelligen und offenen Raum für linke Politik. Neben Vorträgen, Organisation von Demos oder Lesekreisen, können dort Menschen zusammenkommen, die noch in keiner fest organisierten Gruppe aktiv sind.



Freiburg hat einige Orte, an denen Menschen politisiert werden können. Das Linke Zentrum ist einer davon. Und vielleicht ist es genau das, was das Linke Zentrum erfolgreich macht. Denn Politik braucht Lokalität. Politische Bildung wird lokal vermittelt, politische Ideen werden lokal umgesetzt und sie brauchen engagierte Menschen vor Ort. All das kommt im Linken Zentrum zusammen. Diese Lokalität ist vielleicht, neben der inhaltlichen Ausrichtung, das Wichtigste. Denn Menschen werden immer noch vor Ort überzeugt und im besten Fall politisiert. Und junge Menschen brauchen politische Vorbilder, an denen sie sich orientieren können.

Der Berndt-Koberstein-Preis für das Linke Zentrum steht natürlich erst einmal für das Linke Zentrum selbst. Und gleichzeitig aber auch, sozusagen solidarisch, stellvertretend für die linken Freiburger Gruppierungen, denen das LIZ ein zu Hause bietet: So trifft sich im LIZ neben dem Arbeitskreis Antirepression auch die Antifaschistische Linke und die Feministische Linke. All diese Gruppen nutzen das Linke Zentrum, um sich auszutauschen, sich zu vernetzen, gemeinsam nachzudenken über die großen und kleinen gesellschaftsrelevanten Fragen und um gemeinsam Aktionen zu starten wie beispielsweise die jährliche Demonstration zum 8. März, die für mich persönlich zu den kreativsten des Jahres zählt.

So schafft es das LIZ, aktuelle gesellschaftliche Debatten in den regelmäßig stattfindenden Vorträgen abzubilden.
Dem LIZ gelingt es, immer eine offene Tür für Interessierte zu haben.

Und vor allem ist es gelungen einen Ort für die jungen und noch nicht-Etablierten zu schaffen.
Und das LIZ bekommt so viel Zuspruch, dass die Räumlichkeiten in der Glümerstraße zu klein geworden sind. Dass dies bereits nach sechs Jahren nötig sein wird, erstaunt die Aktiven vielleicht selbst am meisten. Und es zwingt sie, nach neuen größeren Räumlichkeiten zu suchen.

Ich finde, der Bernd-Koberstein-Preis an das LIZ kommt genau zum richtigen Zeitpunkt: Nämlich zu einem Zeitpunkt, zu dem linke und zum Teil vielleicht auch links-ideologisch anmutende Ideen und Vorstellungen umsetzbarer scheinen, als noch vor einigen Jahren. Vielleicht nicht im Großen, aber ganz sicher im Kleinen und Lokalen. Vielleicht ja auch hier bei uns in Freiburg.

Und der Preis kommt auch zu einem Zeitpunkt, zu dem sich ein Generationenwechsel in der Linken Freiburger Szene ankündigt. So gehörte die DKP zu den Mitbegründerinnen des Linken Zentrums. Und sicher nicht nur die DKP, sondern auch andere Alteingesessene stellen jetzt fest, dass ihre Zöglinge selbstständig werden und eigene Wege gehen und für ihr Engagement jetzt sogar ausgezeichnet werden.

Damit aber die eigenen und neuen Wege gegangen werden können, müssen noch einige alte und neue Kämpfe ausgetragen und viele alte und neue Diskussionen geführt werden. Wie zum Beispiel die Frage, wie wir es schaffen können, solidarische Ideen auch mal weniger undogmatisch zu diskutieren und Menschen anzusprechen, die wir vor einigen Jahren noch als zu bürgerlich, zu konservativ gehalten haben.
Ich weiß natürlich auch, dass genau diese Frage auch hier im Raum nicht die beliebteste ist.

Aber die Notwendigkeit, gerade jetzt über neue Bündnisse nachzudenken und neue Bündnisse einzugehen, war vielleicht noch nie größer. Und die Chance wirklich etwas zu ändern war vielleicht auch noch nie besser als heute. Das hat auch die OB-Wahl gezeigt.

Heute und hier eine Laudatio zu halten, die unter dem Thema Zusammenleben und Solidarität steht, ohne auch ein paar Worte zur OB-Wahl zu verlieren, ist mir nicht möglich. Denn am 22. April ist ein Ruck durch Freiburg gegangen. Und zwar nicht irgendeiner, sondern vor allem ein linker.

Der erste Wahlgang hat gezeigt, dass es in Freiburg möglich ist, neue linke Bündnisse erfolgreich einzugehen und, dass die Zeit dafür reif ist. Vielleich sogar mehr als das.

Diese Wahl, ganz egal wie sie ausgeht, ist eine Zäsur, die nach neuen Bündnissen förmlich schreit. Ganz egal, ob sich diese Bündnisse in konkreter Kommunalpolitik äußern werden, oder aber, wie es das Linke Zentrum seit Jahren tut, in Aktionen und Angeboten vor Ort, eben gemeinsam und solidarisch.

Diese Wahl hat gezeigt, dass mit linken Inhalten Menschen begeistert werden können. Und genau das gelingt dem Linken Zentrum. Der Weg dahin ist sicher mühsam, aber dafür nachhaltiger.

UND WIE KÖNNTE es für das LINKE ZENTRUM weitergehen?
Die Aufgabe linker Bewegungen ist es nicht, beliebt zu sein. Beliebt, im Sinne von breit angesehen, war linke Politik auch noch nie. Vielleicht wird das auch erst einmal so bleiben. Denn linke Ideen ecken an und stoßen auf und sie sollen wachrütteln. Bequem ist das sicher nicht. Aber umso effektiver und nachhaltiger.

Doch wie können linke Politiken gelingen? Was müssen linke Gruppen tun, um breitere Akzeptanz zu finden? Vielleicht ist eine Antwort, dass sie noch inklusiver werden müssen. Denn die Frage nach und der Umgang mit Inklusion ist genau das, was linke Gruppen von rechten Gruppen unterscheidet: Für die Philosophin Judith Butler ist genau das der Knackpunkt. Denn während linke Bewegungen gesellschaftlich Benachteiligte einschließen, versuchen Rechte genau das Gegenteil und grenzen aus.

Vielleicht müssen wir uns auch die Frage stellen, wie kompromissbereit Linke Gruppen sein sollten oder auch werden müssen. Kompromissbereiter nicht, um sich für das kleinere Übel zu entscheiden sondern um weiter gemeinsam das große und bessere Ganze als Ziel im Blick zu behalten.

Und linke Politik muss Alternativen zum Mainstream anbieten. Ich finde das ist überhaupt der Kern linker Politik. Denn heutige Politik wird oft als gefällig und zahm wahrgenommen. Sie hat kaum Visionen und wenig feste Überzeugungen. Diesem Mainstream klare Inhalte und Alternativen entgegenzustellen, gelingt im Kleinen und Lokalen im Linken Zentrum in der Glümerstraße. Denn genau bei dieser scheinbaren Alternativlosigkeit dockt das LIZ an und bietet Alternativen, denn politische Haltung und Handlung braucht Visionen und verlangt hohen Einsatz von allen Beteiligten.

Liebes LIZ,
seit Jahren engagiert ihr euch in hohem Maße und leistet einen großen Beitrag für die linke Politisierung in der Stadt. Und ihr lasst euch dabei nicht beirren, ihr macht einfach weiter und öffnet eure Türen. Dafür verdient ihr nicht nur Respekt und Anerkennung, sondern nun auch den Bernd-Koberstein-Preis für Zusammenleben und Solidarität.
Herzlichen Glückwunsch!